Mit seiner eigenen Familie nichts anfangen können...
Es ist komisch. Als Teenager dachte ich nicht darüber nach, ich fühlte mich einfach unwohl, doch auch darüber dachte ich nicht nach. Mit einem einjährigen Internataufenthalt änderte sich alles. Plötzlich passte ich nicht mehr haargenau in des Familiengefüge. Der Organismus lief holprig. Meinen Geschwistern war dies - wie ich es empfand - egal. Mein Vater erkannte allmählich, dass ich eine eigenständig denkende und handelnde Person bin. Meiner Mutter passte dies gar nicht. Nach außen war sie irrsinnig stolz wie toll und unabhängig ich doch sei. Mir gegenüber war sie hart, desinteressiert und fordernd. Probleme durfte ich nicht erzählen - sie, mein Vater, meine Geschwister schon. Überall wurde ich klein gehalten und an mir herum gezerrt. Aber wieder gab es einen schönen Schein. Meine Sexgeschichte, offensichtliche Depression und andere Dinge fielen unter den Tisch, außer sie packte sie aus, um über ihr anstrengendes und schreckliches Leben zu erzählen. All das machte ich mit. Ich ging in Therapie für sie, gab mir Mühe durch etliche Gespräche, an die sich alle nicht erinnern kann, mich verständlich zu machen, doch leider half dies alles nicht. Als ich mich entschloss einen Schlussstrich zu ziehen fiel sie natürlich aus allen Wolken. Sie hätte eine so besondere Verbindung zu mir, sie wolle dies auch nicht jetzt einsetzen, aber sie wolle mich auch nicht verlieren, ich wäre die einzige Person in ihrem Leben, der sie sich so anvertrauen könne... Sie erzählte mir ihre traurige Geschicht, die meiner Meinung nach, gar nicht zu den bisherigen Erzählungen passte und auch nicht so jammervoll ist. Aber es ist ihr Leben mit ihren Gefühlen.
Mit 18,5 Jahren zog ich aus meinem Elternhaus aus. Wirklich zurückkehren tat ich nicht mehr. Viele unschöne Ereignisse folgten dieser Entscheidung und ich trug sie. Als mir nach einem halben Jahr endlich ein Licht aufging und ich meiner Mutter endlich durch Offenheit näher kommen wollte, zog sie es vor meine Freundin als "nicht vorzeigbar" zu titulieren und sie raus zu schmeißen (ein Jahr später). Trotz allem riss ich mich zusammen und versuchte und versuchte wirklich zu lange ein gutes Verhältnis mit ihr auf zu bauen. An dem Tag, an dem ich beschloss, den zweiten Weihnachtstag nicht im Familienkreis zu verbringen, brauchte sie auf einmal Zeit für wichtige Gespräche. Sie wollte mit mir reden. Sie wünschte es sich zum Geburtstag. Ich war geschockt. Was sollte das? Nach über 20 Jahren hatte die Frau den Wunsch ihre Tochter wirklich kennen zu lernen? Einen Menschen, von dem sie immer auf natürlichste Weise annahm, ihn besser zu kennen als dieser sich selbst? Ich habe kein Interesse mehr.
Meine Schwester ist da und besucht mich. Erinnerungen an viele offene und tiefsinnige sowie ehrliche Gespräche kommen zurück. Dies ist sehr lange her. Heute steht eine Person vor mir, die mich in ihrem Habitus und Einstellung sehr an meine Mutter erinnert. Ich versuche den Menschen zu finden, den ich vor langer Zeit kannte, auch wenn es sich theatralisch anhört. Personen ändern sich und ich will versuchen wenigstens mit einem Geschwisterteil noch irgendwie etwas anfangen zu können, doch nicht mehr mit dem Preis meinen Charakter zurück zu stellen.
Manche Menschen nennen mich zickig und die Version, die ich vorziehe ist kratzbürstig, wie mein Hausarzt feststellte. Es trifft mehr, wie ich mich in dem Moment fühle. Nie wieder will ich mich dafür schämen, ich zu sein.
fassussia am 11. Juli 13
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